Der Kreidewolf
Unterwegs sein und darüber schreiben       

Liebe in Zeiten zerfallender Gewissheiten

Ein Wenderoman

ISBN 9-783743-109162. Mein Dank für das Cover geht an Barbara Pott.


Am Tag nach dem Mauerfall verliebt sich der Westdeutsche Micha in seine Brieffreundin Marie aus Eisenach. Es könnte eine wunderbare Zukunft für die beiden beginnen, wenn nicht ihre Umgebung eine ausgeprägte Abneigung gegen Leute aus dem anderen Teil Deutschlands entwickelt hätte. Am Tag der Währungsunion fährt Micha nach Berlin, um Marie gegen alle Widerstände zurückzugewinnen. 

Im Kontext einer Liebesgeschichte zwischen Ost und West, die mit einer Brieffreundschaft beginnt und am Tag der Wiedervereinigung endet, entwirft der Autor ein Panorama der deutschen Provinz zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, der Borniertheit der westdeutschen Linken und der Frustration der ostdeutschen Wendeverlierer.


Liebe in Zeiten zerfallender Gewissheiten
Leseprobe Seiten 1 bis 30
Leseprobe - Lieben in Zeiten.pdf (244.53KB)
Liebe in Zeiten zerfallender Gewissheiten
Leseprobe Seiten 1 bis 30
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Liebe in Zeiten zerfallender Gewissheiten 

Wenn er anderswo nach seiner Herkunft gefragt wurde, sagte Micha, er komme vom Ende der westlichen Welt. Vom Dachfenster in seinem Zimmer konnte er den Eisernen Vorhang sehen. Wie ein Lindwurm wälzte er sich durch die hessische Mittelgebirgslandschaft und fraß eine 200 Meter breite Schneise durch die Wälder. Dahinter nur noch Terra Incognita.

Sein Großvater hatte erzählt, die alte Dorfstraße habe einmal weiter geführt, über die hinter dem Dorf gelegenen Felder in den Wald hinein und dann in das nächste Dorf, das sich schon in Thüringen befand. Wenn er von früher erzählte sah sein Großvater die Straße ins Thüringische immer vor sich. Die Bauern, die von drüben mit ihren Ochsenkarren kamen. Oder die Mädchen, die er mit dem Pferdegespann nach dem Gottesdienst für einen Sonntagsausflug abholte. Das Klappern der Räder auf den Pflastersteinen. Für ihn war das alles noch präsent.

Für Micha lag Thüringen weiter weg als London oder Paris. Die gepflasterte Dorfstraße, von der seine Großvater erzählte, war schon asphaltiert gewesen, solange er denken konnte. Der geteerte Teil endete direkt hinter den letzten Häusern von Hängerode und wurde danach zu einem Feldweg, der auf den Eisernen Vorhang zuführte und direkt davor aufhörte. Am Ende des Feldweges, nur wenige Meter von der Grenze entfernt, hatte ein Tischler aus dem Dorf ein Holzschild aufgestellt, auf welchem in Holzbuchstaben geschnitzt zu lesen war: ‚Letzte Coca-Cola für 15.000 km‘.

Das Ende der Straße, das Holzschild, die Grenze.

Für die Kinder und Jugendlichen des Dorfes hörte tatsächlich die Welt jenseits der Wachtürme und der bewaldeten Hügel auf zu existieren. Das Wasser der Werra war das Einzige, was herüber kam. Von den thüringischen Kaligruben belastet bahnte es sich unten im Tal seinen Weg über die Grenze. Vorbei an den Fachwerkhäusern der Dörfer und den alten Wassermühlen schlängelte sich der Fluss mit seiner giftigen Brühe durch die Wiesen und die weiten Getreidefelder.

In Hängerode aufzuwachsen war wie unter einer Glocke groß zu werden. Es fing schon damit an, dass praktisch niemand einfach so nach Hängerode kam. Wozu auch, die Straße ins Dorf hinein war ja schon seit Jahrzehnten eine Sackgasse. Hierher kam nur, wer hier wohnte oder einen der wenigen hundert Einwohner besuchen wollte. Alle anderen blieben weg.

Was auch immer in der Welt passierte, in Hängerode schien sich nichts zu verändern. Während sich außerhalb große Umwälzungen abspielten, klebte Hängerode zwischen den Hügeln seiner Mittelgebirgslandschaft. Seine Bewohner hatten sich eine Gelassenheit angeeignet, die das Fehlen jeglicher Geschwindigkeit im Leben als eigenen Wert erachtete. Anderswo mochte es Demonstrationen geben, Rockkonzerte, Aufruhr, Streiks, Sportwettkämpfe oder Raubüberfälle. In Hängerode gab es nur den ewig gleichen Wechsel der Jahreszeiten, die Freitagabende mit den Proben des Gesangsvereins und die Samstagnachmittage mit dem Fußballspiel des Dorfvereins. (...)