Lappland: Kungsleden
13. August
Um kurz vor sechs Uhr morgens steigen wir in dem kleinen nordschwedischen Ort Boden, ungefähr in Höhe des Polarkreises gelegen, aus dem Nachtzug aus. Geschätzte 150 Trekker schieben sich mit dick aufgetürmten Rucksäcken über den Bahnhof des nordschwedischen Städtchens. Eigentlich sollte der Zug ja noch weiter nach Norden gehen. Die meisten wollen nach Abisko, einige andere wie wir nach Murjek. Aber nachdem gestern auf der Strecke in Schwedisch-Lappland zwei Güterzüge kollidiert sind, ist die schwedische Bahn noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Alle Reisenden werden in Busse umgeladen und nach Zielort sortiert weiter transportiert.
Es ist ein sonniger freundlicher Morgen mit für Lappland angenehmen Temperaturen. Die schwedischen Bahnmitarbeiter bemühen sich, den Ansturm der Trekker in die Busse zu dirigieren. Obwohl sie die Ansagen auf Englisch wiederholen, bekommen wir nicht alles genau mit. Von einem älteren Herren mit großen Trekkingrucksack und etwas aus der Mode gekommener Outdoorbekleidung bekomme ich mit, wie er sich in zwei Sätzen mit dem Bahnmitarbeiter in Schwedisch austauscht und dabei das Wort „Kvikkjokk“ fällt. Also sagte ich zu Claudia, wir sollten uns an ihn halten, er sei Schwede und wolle auch nach Kvikkjokk. Der alte Herr bekommt dies mit und antwortet uns lächelnd, dass sei aus Köln angereicht und der Bus nach Jokkmokk mit Verlängerung nach Kvikkjokk komme in etwa zehn Minuten. Er geht den Padjadalleden. Den Kungsleden hat er schon vor über zehn Jahren gemacht. Seine Frau sei zu Hause, aber er lasse sich das Wandern nicht nehmen. Respektabel bei einem Alter von geschätzt über 60 Jahren.
Wenig später kommt der Bus. Die Häuser von Boden lassen wir schnell hinter uns. Von da an geht es in schönstem Wetter durch die praktisch menschenleere Landschaft Nordschwedens. Zwischendurch nehmen wir uns noch etwas Schlaf. In Jokkmokk, dem Zentrum der Sami in Schweden, müssen wir umsteigen. Der Bus wartet. Nach einer weitere Stunde stehe wir schließlich in Kvikkjokk, am Ende der Straße, umgeben von einem Dutzend Häuser, unsere Rucksäcke auf dem Rücken. Das herrliche Gefühl: Es geht wieder los!
Ursprünglich wollten wir den Kungsleden ganz klassisch von Nord nach Süd laufen. Wegen der gerade in Abisko statt findenden Fjällräven Classics haben wir uns aber dazu entschieden, das Ganze in der relativen Menschenleere von Kvikkjokk zu starten, statt sich mit Hunderten von lärmenden Wanderern durch die „Wildnis“ zu wälzen. Jetzt starten wir kurz vor 12 Uhr mit nur einer Handvoll anderen Wanderer. Das Wetter ist gut, sommerlich. Wir wandern mit T-Shirts durch den Wald, der immer dichter wird und uns ins Fjäll hinein führt. Langsam steigt der Pfad leicht an, wird etwas steiniger.
Claudia bekommt heute ihr Erfolgserlebnis: Mein Rucksack mitsamt Zelt und dem Proviant drückt auf meinem Rücken. Ihrer ist um Einiges leichter und so habe ich große Mühe, an den Steigungen mitzuhalten. Fairerweise muss man festhalten, dass sie gleich anbietet, noch einige Kilogramm von mir in ihren Rucksack zu nehmen, doch ich lehne dankend ab: Wenn sie schon mitkommt (in unserem Bekanntenkreis ist sie die einzige, die so etwas mitmacht), dann soll sie auch einen Rucksack von nicht mehr als 15 Kilogramm tragen.
Der Tag verläuft unspektakulär. Wir laufen uns ein, genießen das Fjäll. Gegen 18 Uhr kommen wir an die Hütte. Der Hüttenwirt begrüßt uns. Außer uns sind nicht übermäßig viele Leute da. In der Hütte treffen wir einen Mann etwa Mitte 40, der uns auf Deutsch anspricht. Er ist nach seinem Medizinstudium in Freiburg mit seiner Frau nach Schweden ausgewandert. Der Grund: Als Medizinerin hätte sich seine Frau im deutschen Klinikalltag entscheiden müssen – entweder Kinder oder Karriere. Sein zutreffender Satz ist, dass „die deutschen Chefärzte mit ihrer Personalpolitik zwei gut ausgebildete Generationen von Medizinern nach Skandinavien getrieben haben“. Nach dem, was ich so von den Ärzten in meinem Freundeskreis erfahren habe, hat er damit völlig Recht. Jetzt wohnen die beiden seit vielen Jahren in Umea. Er ist Oberarzt für Hämatologie in der lokalen Klinik. Die beiden haben mittlerweile vier Kinder und sind beide voll berufstätig. Seine Frau ist mit den Kindern gerade auf Besuch bei den Großeltern in Deutschland. Er wollte die Zeit nutzen, um eine Runde um den Sarek über Kungsleden und Padjadalleden zu drehen. Er ist Trekkingprofi – aber auch die sind nicht frei von Fehlern. Er hat seine neuen Schuhe beim Trekken einlaufen wollen, um dann festzustellen, dass er nach drei Tagen vor lauter Blasen kaum noch laufen kann. Er zeigt uns seine lädierten Füße. Einen Tag hat er schon Zwangspause machen müssen. Den nächsten Tag will er sich bis Kvikkjokk durchschlagen und wird dann wohl einen Hubschrauber nach Ritsem nehmen müssen, wo sein Auto geparkt ist.
Wir gehen am ersten Abend früh ins Zelt. Gegen 22 Uhr schlafe ich im Hellen ein, wache kurze Zeit danach wieder im Hellen auf und vermute, dass ich nur kurz eingenickt bin. Die Uhr zeigt aber vier Uhr morgens. An die Länge der Tage im nordskandinavischen Sommer muss ich mich erst wieder gewöhnen.
14. August
Wir kriechen gegen neun Uhr aus dem Zelt. Als Letzte. Zumindest fast. In einem anderen Zelt hören wir, wie sich ein österreichisches Paar mit dem Bemühen um gedämpfte Lautstärke aber trotzdem hörbar streitet. Als Grund vermuten wir: Er geht gerne trekken, sie hat sich von ihm überreden lassen, heute Nacht hat es geregnet und ein nasses, kaltes Fjäll macht ihr üble Laune. (Ich danke im Stillen für meine Trekking-Frau.)
Wir sitzen zum zweiten Frühstück in der Hütte und trinken Tee, während wir noch mit dem deutsch-schwedischen Arzt tratschen. Er wickelt seine gigantische Blase mit Tape ab. Als ich einen Blick darauf erhasche denke ich nur, dass ich mich mit einer solch großflächigen Blase vermutlich direkt mit dem Hubschrauber ausfliegen lassen müsste. Zwischendurch bauen wir das Zelt ab. Die Österreicher machen das Gleiche; allerdings im Gegensatz zu uns völlig wortlos: Es nieselt!
Als wir gerade losgehen wollen, beginnt ein Platzregen. Also stellen wir uns noch unter das Vordach der Hütte und quatschen weiter mit dem Arzt. Nebenbei schälen wir uns in unsere Regenmontur. Wir gehen los, als der Regen etwas nachlässt. Direkt vor uns gehen dann auch die Österreicher. Sie geht seeehr langsam. Er fügt sich ihrem Tempo. Wir überholen schnell und sind froh, mit den beiden auch deren gedrückte Stimmung hinter uns zu lassen.
Heute zeigt sich das Fjäll von seiner wechselhaften Seite. Es ist nicht wirklich schlechtes Wetter, der Wind weht aber immer wieder kleinere Schauer über die Berge. Für uns heißt das immer wieder: Regensachen anziehen, Regensachen ausziehen. Der Weg windet sich weiter durch den Wald. Die großen Steine, über die man immer wieder steigen muss, machen es uns beschwerlich. Dann geht es in einem ersten großen Anstieg über die Baumgrenze hinweg. Der Blick ist frei auf die Schönheit Lapplands. Die vorbeiziehenden Regenwolken tauchen die Szenerie in ein melancholisches Bild.
Wir machen unsere Mittagspause und holen unseren Fleecepullis heraus. Der Wind kühlt viel stärker aus, als wir es beim Gehen vermutet hätten. Drei schwedische junge Burschen überholen uns zunächst. Dann begegnen wir ihnen etwas später wieder, als sie gerade ihre Mittagspause einlegen. Wir gehen weiter an den steinigen Hängen entlang und steigen dann langsam ab, bis wir an die Grenze des berühmten Sarek-Nationalparks gelangen. Natürlich ist der Sarek hier nicht per se „wilder“ als die anderen Teile des Kungsleden. Der Pfad zieht sich genauso sichtbar und gut ausgetreten durch die Wälder und auch die für mein Empfinden zu häufig auf dem Kungsleden anzutreffenden Feuerstellen werden hier nicht weniger. Aber nach einigen Kilometern fällt schon auf, dass der Wald hier abseits des Pfades noch dichter und urwüchsiger scheint. Vielleicht ist es nur eine Illusion, eine Einbildung aus dem Bewusstsein heraus, im Sarek zu laufen; vielleicht ist es aber tatsächlich aufgrund der weiten Entfernung zu der mit Fahrzeugen zugänglichen Zivilisation durchaus so, dass hier alles etwas dichter und undurchdringlicher ist.
Die Etappe ist heute mit ihren ca. 22 Kilometern länger als die gestrige. Es ist keine übermäßige Strecke aber mit den schweren, noch mit Proviant für je eine Woche übervollen Rucksäcken und noch keiner Gewöhnung an die tägliche Strecke von ca. 20 km durch die Wildnis wird es heute sehr beschwerlich. Die letzten beiden Kilometer schleppen wir uns durch den Wald. Die drei Burschen überholen uns zum zweiten Mal in einem wirklich beeindruckenden Tempo. Aber wir beißen noch einmal auf die Zähne und schaffen auch die letzten Kilometer noch.
Wir kommen an die Schutzhütte direkt am Südende des Sees Laitaure. Die Schutzhütte ist von einem jungen Schweden belegt, der ganz höflich anbietet, die Hütte für uns zu räumen. Wir wollen ohnehin zelten, so dass wir dankend ablehnen. Die drei Burschen haben den besten Zeltplatz schon belegt, aber wir finden zehn Meter weiter noch einen anderen. Problem ist nur, dass die drei nun massenweise feuchtes Holz anschleppen und der Wind den beißenden Rauch von der nicht weit entfernten Feuerstelle zu unserem Zelt weht. Die drei liegen mehr oder weniger schweigend nebeneinander, drehen eine Zigarette nach der anderen und lassen eine Plastikflasche mit Wodka kreisen. So sieht gepflegte Entspannung als Outdoorer aus. Wir kochen in der Hütte und unterhalten uns eine Weile mit dem jungen Schweden. Er hat schon zwei Wochen Kungsleden mit einem kleinen Abstecher in den Sarek hinter sich.
Durch unseren späten Start und den langen Trekkingtag ist es schon spät. Die drei Burschen sitzen immer noch schweigend, rauchend und Wodka trinkend an ihrem qualmenden Lagerfeuer, das immer noch bei entsprechender Windrichtung unser Zelt einräuchert. Aber als wir den Reißverschluss zumachen, sind wir überraschend rauchfrei im Zelt. Einen Schluck von unserem Wodka genehmige ich mir nun auch. Wir versuchen noch ein bisschen zu lesen, aber die Müdigkeit siegt schnell.
15. August 2013
Wir stehen pünktlich um neun Uhr an der Bootsanlegestelle. Die drei Burschen sind mittlerweile auch wach, lassen sich aber Zeit. Sie wollen mit dem Boot herüber rudern, weil sie das Geld sparen wollen. Andererseits sind sie faul genug, die weite Entfernung über den Laitaure mehr als einmal rudern. Also bekunden sie, sich vieeel Zeit zu lassen, bis der nächste mit einem dann überschüssigen Boot vom Nordufer angerudert bekommt. Um es vorweg zu nehmen: Die drei stoischen Brüder im Geiste sehen wir später wieder, nachdem sie bis ca. 13 Uhr auf einen Ruderer gewartet haben. So kann man den Tag natürlich auch verbringen.
Das Wetter klart auf. Die Sonne taucht das Tal in magisches Licht. Bei der Überfahrt über den Laitaure genießen wir bereits eindrucksvolle Blicke in die Deltamündung des Rapa ins Rapadalen. Wenn man die breit gefächerten Ausläufe, die Wälder, die steil aufsteigende Felswände nur sieht, ist klar, warum es das „Tal der Täler“ genannt wird. Am Nordende thront mächtig, fast 600 Meter praktisch senkrecht zum Tal abfallend, der berühmte Skierfe. Auch wenn ich bereits genügend Bilder von ihm gesehen hatte bin ich von seiner Mächtigkeit und Schroffheit stark beeindruckt. Mit dem Blick auf den Skierfe ist die Entscheidung, uns heute einen Tag für die Besteigung des Skierfe zu nehmen, stillschweigend gefallen. Wir machen Quartier an der Aktse-Hütte, stellen unser Zelt auf und gehen mit leichten Rucksäcken bergan.
Der Skierfe ist von Süden steil und abweisend, aussieht, führt der Pfad über die Kammlinie mäßig ansteigend zum Gipfel. Es geht ohne technische Schwierigkeiten nach oben, die ca. 800 Höhenmeter auf den sieben Kilometern zum Gipfel wollen allerdings auch erst einmal bewältigt werden. Also schleppen wir uns voran, auf den ersten Metern noch euphorisch wegen der ungewohnt leichten Rucksäcke, nach zwei Kilometern dann schon deutlich angestrengter. So mühsam alles ist, der Blick nach vorne und nach unten in das Rapadalen lässt schon erahnen, mit was für einer Aussicht wir belohnt werden. Die letzten zweihundert Höhenmeter führen sodann steil über Blockfelder zum Gipfel.
Der komplette Bericht inklusive der Fotos: