Island, Hornstrandir
Aus Sicht des Mitteleuropäer liegt Island ja ohnehin schon abseits aller Wege. Innerhalb Islands ist es dann noch eine ein bis zweitägige Fahrt in die Westfjorde oder aber eine Stunde Flug von Reykjavík nach Ísafjördur. Von Ísafjördur benötigt ein Boot mehr als eine Stunde durch die Westfjorde bis zum nordwestlichsten Zipfel Islands: die unbewohnte Halbinsel Hornstrandir, die nur über das Wasser erreichbar ist, weil ein großer Gletscher und Steilküsten den Landweg verstellen.
Die Bilder sind fotografiert von meinem Trekkingpartner Norbert Hillebrand:
24. Juni 2015
Als Storri mit dem motorbetriebenen Schlauchboot umdreht und durch den Fjord Hrafnfjördur wieder zurück Richtung Isafjödur fährt, sind wir ganz alleine. Rings um uns herum nur die steil ansteigenden Berge von Hornstrandir, das Eis des Gletschers Dranganjökülls in Sichtweite und vor uns die Ende Juni noch bemerkenswert verbreiteten Schneefelder, die sich in geschützten Lagen beinahe noch in den Fjord hinein ziehen.
Gestern Vormittag war ich noch in Frankfurt, habe dann nachmittags Norbert am Busterminal von Reykjavik getroffen, um dann den Inlandsflug nach Isafjödur in die Westfjorde zu nehmen. Während Norbert noch an seinem Rucksack herumfummelt, um die bei der Bootsfahrt ausgekühlten Hände mit seinen Handschuhen zu wärmen, lasse ich die völlige Einsamkeit auf mich wirken.
Als nächstes hole auch ich die Handschuhe aus meinem Rucksackfach, um meine ausgekühlten Hände zu wärmen, und stelle fest: Ich habe zwei linke Handschuhe dabei, einmal meinen passenden und dann noch den mir zu kleinen linken Handschuh meiner Frau. Das geht ja gut los! Notgedrungen ziehe ich den etwas größeren linken Handschuh umgedreht an die rechte Hand und den engeren an die linke; das ist zum Wärmen in Ordnung, nur Bewegungsfreiheit habe ich in keinem der beiden Handschuhe.
Die Sonne scheint über einem fast wolkenlosen Himmel. Es ist kein einziger Regentropfen in Sicht und –so viel sei vorweg genommen- wir werden in der kommenden Woche nicht ein einziges Mal nass werden. Obwohl beständig ein kalter Wind vom Fjord über die Hänge fegt, sind dies für diese Gegend von Island traumhafte Bedingungen.
Mit dick bepackten Rucksäcken gegen wir erst ein Stück am Ufer entlang und machen uns dann ohne über den nur teilweise erkennbaren Pfad in Richtung Pass. An diesem ersten Tag muss ich mich noch anstrengen, um mit Norbert Schritt zu halten, der von seinen vorherigen Islandtouren schon eine hervorragende Kondition hat. Aber nach dem ersten Tag gibt sich das schnell.
Als wir auf nur etwa 200 Höhenmeter gestiegen sind, beginnt das Schneefeld zur Passhöhe. Wir hatten schon gehört, dass der Winter dieses Jahr in Island extrem lang und schneereich war. Trotzdem hätten wir kaum erwartet, Ende Juni noch auf diese Höhe durchgängig Schnee zu finden. Zum Glück hat das gute Wetter der letzten Tage den Schnee so weit verharscht, dass er sich größtenteils verlässlich und ohne tiefes Einsinken begehen lässt. Ein Blick über die Spuren im Matsch und im Schnee verrät uns, dass erst eine einzige Person in diesem Jahr vor uns diesen Bereich von Hornstrandir begangen hat.
Die Gegend ist von Beginn an magisch. Schneefelder, Wasserfälle, Bäche, die Dank der Schneeschmelze zu reißenden Flüssen geworden sind, die steil zur Grönlandsee abfallenden Küsten und die zahlreichen Seevögel. Wir queren über den Pass ins nächste Tal, sehen uns die Ruinen des verlassenen Dorfes Furufjödur an, das nicht mehr war, als sechs entlang des Strandes verstreute Häuser. Dann arbeiten wir uns entlang der Steinkünste weiter. Es ist bereits Abend, als wir in Bolungavik ankommen. In der Schutzhütte kochen und essen wir. Im Hüttenbuch hat sich vor fünf Tagen eine Gruppe eingetragen, welche mit dem Boot angelandet und wieder abgefahren ist. Ein Wanderer ist auch noch für dieses Jahr verzeichnet. Ansonsten sind wir, zumindest laut Eintragung des Hüttenbuches, in diesem Jahr die ersten. Im Gefühl der erhabenen Einsamkeit am Ende der Welt gehen wir ins Zelt.
25. Juni 2015
Ein windiger aber sonniger Tag beginnt. Wir frühstücken wieder in der Hütte, dann bauen wir das Zelt ab und machen uns auf den Weg. Eine lange Etappe liegt vor uns. Zunächst passieren wir auf dem Kiesstrand von Bolungarvik den breit aber sehr flach in das Meer mündenden Bolungarvikuros. Dann geht es mehr als 300 Höhenmeter durch völlig wegloses Gelände den 366 Meter hohen Pass Göngumannaskard herauf. Das ist viel steiler, als es sich anhört Stumm, aber mit guter Laune fressen wir Kilometer um Kilometer. Der Pass liegt in den Wolken. Hier oben empfangen uns Schneefelder. An den steilsten Passagen geht immer einer von beiden vor und tritt Stufen in den harschigen Schnee, so dass es der andere leichter hat. Das funktioniert schnell mit völliger Routine. Endlich sind wir oben. Der Aufstieg hat viel Kraft gekostet, aber der Blick zurück nach Bolungavik entschädigt für alle Mühen.
FOTO?
Nach einigen Metern Abstieg sind wir aus den Wolken und können wschon den Blick auf die nächsten Kilometer erhaschen. Der heutige Tag ist ein ständiges Auf und Ab. Kaum ein einziger Kilometer führt uns eben an unser Ziel. Der Abstieg nach Bardsvik geht schnell. Von der alten Siedling können wir keine Spuren entdecken. Völlig unberührte Natur liegt vor uns.
Am sehr breiten Bardsvikuros machen wir Rast und genießen Sonne und die im Tal vorhandene Windstille. Die Flussquerung gehen wir unterschiedlich an: Ich ziehe die Stiefel aus und die Watschuhe an, Norbert meint, dass man angesichts der geringen Tiefe mit Stiefeln und Gamaschen gehen kann. Könnte man auch problemlos, wenn die Gamaschen denn dicht halten würden. Norberts halten jedenfalls nicht dicht, aber ich verkneife mir ein Lachen (was sich einige Tage später auch als mein Glück herausstellen soll). Viel ist nicht im Stiefel.
Es geht weiter, über eine zerklüftete und felsige Landschaft mit nur wenig Bewuchs, wieder den nächsten Pass heraus, welche nicht so steil ist wie der letzte, wieder in das nächste Tal herunter, wieder an einem felsigen Anhang heraus. Endlos. Kilometer für Kilometer. Uns begleiten nur die zahlreichen Seevögel, die in den Steilküsten ihre Nester bauen. Es sind nur die Vorboten der Vogelkolonien am Hornberg, die in die Zehntausende gehen sollen.
Irgendwo in der öden Felslandschaft von Bjanarshaed – es ist nach unserer letzten Rast schon fast 18 Uhr – gebe ich auf. 18 Kilometer am heutigen Tag durch wegloses Gelände, unzählige Höhenmeter, drei Flussquerungen. Mir reicht es. Also schlage ich Norbert vor, hier heute unser Zelt aufzuschlagen. Norbert nickt zunächst. Aber: Er ist zäh wie ein Ochse und listig wie eine Schlange ;-). Und er will noch weiter! Also wägt er zunächst ab, meint, in Latravik könne der alte Leuchtturm offen sein, lockt mich mit einer warmen Übernachtung, meint dann, dass es nicht mehr so weit sei und die Sonne nicht vor 23:30 Uhr untergehe. Außerdem könne er noch und es würde sich gerne auf mein Tempo einstellen. Alles in dem freundlichsten Ton, den man sich vorstellen kann. Fürsorglich, sozusagen. Irgendwann hat er mich. Ich raffe mich auf, wir ziehen zusammen weiter. Mechanisch, aber trotzdem noch mit voller Konzentration, und irgendwann werden die Beine tatsächlich wieder leichter und der Blick für die Landschaft, der Genuss der Tour ist wieder da.
Beschienen vor der immer tiefen stehenden Sonne, die ein besonderes Licht auf die Umgebung wirft, arbeiten wir uns den letzten Berg nach Latravik heraus. Der Blick herunter ist wieder imposant. Fast dramatisch stürzt der Hang nach unten, der alte Leuchtturm von Latravik sieht aus wie ein Spielzeughaus. Der jetzt erstmalig erkennbare Pfad windet sich in mehreren Serpentinen durch den Steilhang. Wir konzentrieren uns ein letztes Mal und sind dann, es ist schon am fortgeschrittenen Abend, unten in Latravik.
Im alten Leuchtturm ist ein Wanderheim mit einigen Zimmern eingerichtet. Ein Schild an der Tür erklärt uns aber, dass der Leuchtturm erst in einer Woche öffnet. Wir sind wirklich außerhalb der Saison. Egal, dann genießen wir eben die Einsamkeit. Heute Abend hat schon jeder seine Rolle: Norbert ist der Quartiermeister und baut mit Akribie das Zelt auf, macht die Luftmatratzen, etc. Ich bin der Küchenmeister und packe derweil verschiedene trockene Nahrungsmittel und Dosen aus, aus denen ich Abend immer, so gut es eben geht, eine halbwegs frische Mahlzeit koche.
Nach dem Essen gehe ich schleunigst in den Schlafsack, während Norbert das Licht der nun wirklich untergehenden Sonne nutzt, um Fotografien zu machen.
26. Juni
Von den gestrigen Strapazen gut erholt beginnen wir den nächsten Tag. Der Himmel ist heute wolkenverhangen, so dass wir den vor uns liegenden Weg nur bedingt sehen können. Die Tour geht zunächst so weiter, wie der gestrige Tag geendet hat. Durch eine felsige, zerklüftete Landschaft bergab und bergauf. Heute peilen wir den Hornberg an, den nördlichsten Punkt der Tour mit der höhsten Steilklippe Islands und den Vogelfelsen.
Den 542 Medter hohen Dögunarfell queren wir an seiner östlichen Flanke. Vom Gipfel ist vor tiefhängenden Wolken nichts zu sehen. Zeitweise arbeiten wir uns durch nicht sehr dichten, aber grau-tristen Nebel. Die Stimmung ist schon fast etwas unheimlich. Dann reißt plötzlich der Nebel auf und wir sehen einen Menschen. Das hat sicherlich Edgar Wallace persönlich arrangiert. Die Gestalt ist das erste menschliche Wesen, das wir sehen, nachdem Snorri uns vor zwei Tagen im Fjord abgesetzt hat. Es ist eine sehr nette Studentin, die mit einigen anderen Biologen in der Bucht von Hornvik zeltet und ein Forschungsprojekt durchführt. Was genau, hab ich mir nicht gemerkt. Dafür ist Norbert zuständig, er ist der Naturwissenschaftler.