Der Kreidewolf
Unterwegs sein und darüber schreiben       

Schottland - Rob Roy Way und Scottish National Trail (Teilstück)

Gewandert im Mai 2026, Reisebericht in Vorbereitung.



ERSTER TAG. Der Verkäufer öffnet exakt um neun Uhr den TISO-Outdoorladen im Glasgower Univiertel, sieht mich in Outdookleidung und mit Rucksack und schmunzelt: “Let me guess: Looking for a gas catridge?”
Offensichtlich kommt es regelmäßig vor, dass sich Wanderer zur Ladenöffnung Brennstoff holen, bevor sie an der nahe gelegenen Buchanan Station die Weiterfahrt zu den schottischen Trekkingrouten antreten. So sitzen Angela und ich pünktlich um 9 Uhr 20 im Bus X101 und fahren eine Stunde nach Strathclane, einem nördlichen Glasgower Vorort, kaum fünf Meilen hinter der Stadtgrenze gelegen, aber schon völlig ländlich. Nach zweihundert Metern lassen wir die Häuser hinter uns und Angela zückt sofort das Smartphone, um alles zu fotografieren: Das Maigrün der Wiesen, die grasenden Schafe, die moosbewucherte Steinmauer und durch das Tal mändernden Bach, dessen Ufer knorrige Eschen säumen. Ich weise lachend darauf hin, dass uns diese Landschaft die nächsten zwei Tage begleiten wird, bis es in den Highlands rauer wird. Aber letztlich ruft mir Angelas fotografischer Enthusiasmus meine eigene Begeisterung für Schottland in Erinnerung. Damit kommt dieses Gefühl der Leichtigkeit, des Loslassen vom Alltag, dieser: Es geht wieder los!-Moment.
Die ersten Meilen begegnen wir Einheimischen, die ihre Hunde am Bach ausführen oder mit Traktoren die Felder bestellen. Die Landschaft ist saftig grün und wellig. Dann treffen wir auf den Westhighland Way (WHW) und die relative Ruhe weicht Betriebsamkeit. Wir hatten uns morgens entschlossen, die Eindrücke der ersten Tageshälfte abzuwarten, um dann zu entscheiden, ob wir den landschaftlich spektakuläreren WHW oder den einsameren Rob Roy Way (RRW) wählen.
Wir gehen in einer Menschenkolonne von Menschen durch die Lowlands. Vor uns Gruppen mit Tagesgepäck, die vermutlich am Etappenende ein Bus abholt und zum Hotel bringt. Hinter uns Studenten mit schweren Rucksäcken, an denen noch Zelte und Isomatten gegurtet sind. Die Massen machen uns die Entscheidung für den RRW Leicht.
Auf dem WHW nutzen wir noch dessen gastronomisches Angebot. Bis zum Dorf Drymen passieren wir zahlreiche Einkehrmöglichkeiten und genießen Cappucino plus Kuchen in einem Café, wo wir uns aufwärmen. Es ist ungewöhnlich kalt. In Drymen holen wir uns im Supermarkt einige Sachwiches, die wir auf dem Dorfplatz essen, neben uns zahlreiche Wanderer.
Hinter dem Ort gehen wir über eine Singletrack-Straße, die gerade breit genug für ein Auto ist, lassen den WHW links liegen und biegen rechts auf den RRW ein. Ab jetzt sehen wir kaum noch jemanden, selbst Fahrzeuge sind hier selten. Der Nachmittag ist bereits fortgeschritten, die Landschaft wird hügeliger. Nur wenige Radfahrer begegnen uns, kaum noch Wanderer – der RRW hat nur ungefähr zwei Prozent der auf dem WHW üblichen Trekker. Neben uns schmiegt sich ein von Schilf umwachsener See ins Sumpfgras. Die ebenso sanft wie endlos hinfließende Hügellandschaft macht uns bewusst, wie viele Kilometer uns bereits in den Beinen stecken. Zuzüglich der Wegstrecke in Glasgow haben wir die 25-Kilometer-Marke erreicht.
Der asphaltierte Weg biegt in den Wald ein. An einer Zisterne aus schottischem Graubasalt, die Teil der 1859 gebauten Wasserversorgung von Loch Katrine nach Glasgow ist, machen wir eine letzte Rast. Angela hat sich eine Blase an der Ferse gelaufen, die wir bereits vor abgeklebt haben. Es nutzt nichts, wir müssen weiter. Der Wald is zu dicht, um darin ein Zelt aufzustellen, und an den lichten Stellen sind in Sichtweite der vereinzelten Farmen. Wir haben 29 Kilometer gelaufen, als wir schließlich das Victorian Aqueduct erreichen, einem Denkmal schottischer Ingenieurkunst im 19. Jahrhundert, der das Wasser über einen Bach führt. Das Zelt ist schnell aufgestellt. Wir kochen, trinken die mitgebrachten Longdrinks in Dosen, die für normale Verhältnisse scheulich, nach der Wegstrecke aber köstlich schmecken. Dann geht es mit Sonnenuntergang in den Schlafsack. Beim Einschlafen trommelt Regen auf das Zeltdach.

ZWEITER TAG. Wir wachen früh auf, kuscheln uns aber in den warmen Schlafsack. Der frühe Mai ist auch für schottische Verhältnisse ungewöhnlich kühl. Beim Frühstück sind wir froh, Daunenjacken , Mützen und Handschuhe eingepackt zu haben.
Wir sind halbwegs zeitig unterwegs. Forstwege führen uns durch den Queen-Elisabeth-Forrest, der an vielen Ecken so aussieht, wie der heimische Schwarzwald, an den falschen Stellen aber leider den Schwarzwälder Fichtenplantagen gleicht – ein Baum kerzengerade neben dem anderen. Für solche Monokulturen wünsche ich insgeheim dem Borkenkäfer großen Appetit.
Gegen 11 Uhr erreichen wir Aberfoyle, nicht mehr als seine Straße mit einem Dutzend Geschäften und einem Supermarkt. Am Ortseingang inspizieren wir den alten Friedhof, der kunstvoll gestaltete Gräber und Grabplatten beherbergt, die bis Mitte des 17. Jahrhunderts datieren. Obwohl Sonntag ist, hat das örtliche Liz MacGregor Café geöffnet, das von einer bodenständigen Schottin mittleren Alters geführt wird, die so aussieht, wie sie heißt. Es gibt mit Herzlichkeit ausgeschenkten, wässrigen Kaffe und ein reichhaltiges Scottish Breakfast. Gestärkt gehen wir den zweiten Teil der Etappe an. Der Weg steigt steil an und führt durch ein Hügelland, das einen Vorgeschmack auf die Highlands gibt. Es geht hinauf durch Wälder, dann durch ein Kartal, in dem links das von Gletschern geschmirgelte Gneis ein eindrucksvolles Zeugnis der Eiszeit gibt, und windet sich herunter zum Loch Venechar, dessen Ufer zunächst sehenswert ist, sich aber dann einförmig austreckt, sodass unsere Füße wieder zu schmerzen beginnen. Angelas Blase hat sich über Nacht etwas beruhigt, aber mit andauernder Belastung schwillt sie wieder an. Bei einer Paue bemerken wir, dass sich das Blasenpflaster gelöst hat. Wir kleben nach, aber über den Tag ist auch das wirkungslos. Unsere Strecke heute ist mit 25 Kilometern nicht ganz so lang, wie die gestrige, aber der lädierte Fuß macht sich bemerkbar.
Wir erreichen Callander, den Hauptort des Trossachs National Park, einem idyllisch aus den Highlands in die Lowlands durchbrechenden Fluss mit etwa 1000 Einwohnern und noch mehr Touristen. Angela hat klugerweise bereits ein B&B vorgebucht, dass sich zwar fast am Ende des Ortes befindet und so ihre Laufqualen noch verlängert, sich aber als herzlich geführtes, atmosphärisches Gästehaus viktorianischer Zeit herausstellt. Wir bekommen sogar ein besseres Zimmer. Hier lässt es sich aushalten. Dusche, Fußpflege (die Blase ist bedächtig groß angeschwollen), frische Kleigung und dann die 500 Meter in den Riverside Pub, der gutes Bier und eine ordentliche Küche hat. Ich genehmige mir einen Digestiv-Whiskey, wir humpeln zurück und schlafen fest.

DRITTER UND VIERTER TAG. Heute setzen wir aus, das haben wir bereits gestern beschlossen. Angelas Blase ist mächtig und ich habe, ohne es ihr gesagt zu haben, bereizts innerlich dafür gedankt, eine Frau gefunden zu haben, die trotz so einer Beeinträchtigung überhaupt die Etappe gestern geschafft hat und die Tour fortsetzen möchte. Das Alternativprogramm ist, mit dem Bus über Doune nach Stirling zu fahren, zwei Burgen, die Drehorte für zahlreiche Filme waren (nur allein Doune Castle: Ritter der Kokosnuss und Game of Thrones) und sich in ihrer Faszination in nichts nachstehen. Wir verbringen den ganzen Tag außerhalb, gehen in den bewährten Riverside Pub und schlafen erneut in unserem schönen B&B.
Der nächste Tag ist ein Kompromiss zur Verkürzung der Tour. Wir fahren unsere eigentliche Strecke für gestern, die 20 Kilometer nach Killin, mit dem Bus. Es ist wichtig, Angela halbwegs abgeheilte Ferse nicht übermäßig zu belasten. Wie viele haben das Glück, so etwas mit dem Partner machen können? Wenn sie freiwillig auf eine solche Trekkingtour mitkommt, ist das ein Geschenk. Trotzdem werde ich etwas wehmütig, als der Bus in die Highland einbiegt, das tiefe eingegrabene Tal sich vor uns ausstreckt und entlang der steil ansteigenden Talwände sich urige Eichen- und Birkenwälder erstecken, uns dann am Loch Lubnaig vorbei auf den Glen Orgle Pass und hinunter nach Killin bringt.
Killin ist ein winziger Ort, der aber am Westende des sich über 30 Kilometer ausdehnenden Loch Tal liegt. Am Orteingang bilden die Stromschnellen ein grandioses Fotomotiv, dass meine Instagram-Freundin ausgiebig nutzt. Gegen 10 Uhr 30 machen wir uns auf den Weg entlang des Südufers.
Da wir den Weg über die HIghlandpfade auf den Höhen auslassen, um Angelas Fuss zu schonen, laufen wir heute fast ausschließlich über Asphalt. Das ist manchmal beschwerlich und oft eintönig, aber wir kommen schnell voran und der Blick auf die Nordseite mit dem Ben Lawers, dem höchsten Berg der Southern Highlands, entschädigt. Er ist noch schneebedeckt. Ich habe ihn vor fast 15 Jahren bestiegen.
Die Ufer des Loch Tay säumen mächtige Eichen und Kastanien, auf den von Steinmauern gesäumten Felder grasen Schafe und Lämmer. Hier entspricht Schottland dem Klischee. In einer Siedlung haben wir unser Tagespensum erreicht, suchen vergeblich nach einem Zeltplatz jenseits der in die Landschaft gestreuten Farmen. Wir steigen über einen Pfad auf. Am Rande einer Schonung, die auf eine ungenutze Weidefläche begrenzt, werden wir fündig. Aus einem in den Berg gepflanzten Plastikrohr fließt sogar ein Rinnsal mit Trinkwasserqualität!
Wir verbringen den Abend vor dem Zelt auf einer Mauer sitzend, lesend und in die Landschaft schauend. Die Dämmerung zieht kalt hinein, wieder regnet es. Angela kriecht mit Daunenjacke und Mütze in den Schlafsack und schläft sofort ein. Ich liege noch länger wach und lausche der Stille.

FÜNFTER TAG. Nach der kurzen Strecke von 17 Kilometern am gestrigen Tag haben wir heute eine ähnlich kurze Etappe. Aber das, was zählt, ist: die Blase ist abgeflacht und Angelas Unbeschwertheit beim Laufen ist wieder da. Der Tag ist gewohnt kühl, aber sonnig. Wir folgen dem Pfad bergauf, kommen bald ins Schwitzen. Rechts fällt der Hang steil ab in eine vom Rhododenron und Eschen bewachsene Schlucht, links windet sich der Weg über Schafswiesen um Findlinge herum, die die letzte Eiszeit von den Gipfeln herangetragen haben. Endlich sind wir oben und bekommen ein atemberaubenden Blick auf den sich blau durch eine grüne Landschaft streckenden Loch Tay, dahinter steigt das noch schneebedeckte Massiv des Ben Lawers auf.
Unter uns rückt ein von Birken dominierter Wald an den Pfad heran. Wir folgen dem GPS-Track, der streng auf dem Weg bleibt, während der Weg selbst plötzlich vor einem vor einem Zweimeterzaun endet. Da hat anscheinend der Schafzüchter dem RRW einen Strich durch die Rechnung – oder besser: einen Zaun über den Weg - gemacht. Mit etwas Mühe klettern wir samt den schweren Rücksäcken darüber und waten durch Morast, bis wir auf einen Waldweg gelangen. Netterweise hat jemand an einer Stelle mit brilliantem Ausblick seinen Wohnwagen gestellt (keine Ahnung, wie man den über den Waldweg hierhin gebracht hat) und einen Holztisch mit Stühlen gebaut. Hier machen wir unsere Mittagspause.
Danach geht es auf einer wenig ansehnlichen Strecke durch gerodete Berghänge und Restflächen von Wald zurück ans Seeufer, dort vorbei an sich am Ufer erstreckenden Schafswiesen und vorbei an einzelnen Gehöften, bis wir das Dorf Acharn erreichen. Auch das ist nicht mehr al seine Siedlung von zwanzig Häusern, aber hier steigt der Pfad zu den Falls of Acharn auf. Die Wasserfälle sind spektakulärer, als alles, was wir bislang gesehen haben. Keine 500 Meter von dem idyllischen Dorf und dem klischeehaft majestätischen Loch Tay öffnet sich eine wilde, über steile Felshänge in ein Urtal abfallende Schlucht. Der Fluss hat sich über Jahrtausende einen Weg gegraben, die Kalksteinschichten ausgewaschen und fließt nun in einem geschmirgelten Bett von Granit. Angela nimmt sich Zeit für eine Fotosession und die Ergebnisse geben ihr Recht.
Hinten den Wasserfällen verläuft der Pfad sanft zwischen Felder und Weiden, als läge die Schlucht meilenweit entfernt. Ein verblasstes Blechschild weist nach recht einen Steinkreis in einem Knappen Kilometer Entfernung auf. Angela schlägt vor, das noch mitzunehmen, ein Hinweis, dass ihr Fuss heilt! Die Kultstätte selbst ist wenig spektakulär. Die Stehlen sind kaum mannshoch und von neun Steinenblöcken stehen noch vier, die anderen haben sich ins Kreisinnere gelegt. teilweise von Gras überwuchert und mit Schafskötteln garniert. Dafür genießen wir aber diese Erinnerung an vorchristliche Zeit in völliger Einsamkeit, nicht einmal die sonst omnispräsenten Schafe stören.
Auf dem ashaltierten Single-Track-Road nach geht es fünf Kilometer ans Ende des Sees, nach Kenmore. An diesem Tag geht nur noch ein Bus zum nächstgrößeren Ort, Aberfeldy. Ein Transporter mit neun Sitzplätzen, von denen wir uns zwei aussuchen, holt uns ab. Der Fahrer fragt, wo wir herkommen und gratuliert uns, den RRW geschafft zu haben, obwohl formell noch etwa 23 Kilomter vor uns liegen würden. Aber Angela hat mit einer Monsterblase in nur vier Tagen 90 Kilometer geschafft.
Morgen nehmen wir uns einen T ag für Edinburgh, bevor Angela abends zurück fliegt. Mein Weg geht noch fünf Lauftage weiter auf dem Scottish National Trail bis zum Loch Ness. Heute Abend buchen wir uns in ein Hotel ein, bei dem es gutes Essen zu gutem Bier gibt, genießen es, in einem Bett zu schlafen und verabschieden uns vom RRW.
Scottish National Trail ... (Wird fortgesetzt)